Erreichen oder Erschaffen?

Was entsteht, während du ankommen willst?

Wolken vor dem Himmel

Es gibt diesen subtilen Gedanken, der sich durch vieles zieht, was wir tun: dass wir irgendwann ankommen müssen. Dass es einen Punkt gibt, an dem alles Sinn ergibt, sich richtig anfühlt, vollständig ist. Oft merken wir gar nicht, wie sehr sich unser Denken daran ausrichtet – bis wir anfangen zu hinterfragen, was wir eigentlich die ganze Zeit versuchen zu erreichen. Und vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck: dass wir so sehr auf dieses Erreichen fokussiert sind, dass wir kaum bemerken, was parallel längst passiert – das Erschaffen.

Die Designerin, Autorin und Podcasterin Debbie Millman beschäftigt sich seit Jahren genau mit diesem Spannungsfeld. Sie beschreibt, wie flüchtig das Gefühl des Erreichens oft ist – wie schnell es wieder verschwindet und durch das nächste Ziel ersetzt wird. Was bleibt, ist weniger das Ergebnis als das, was man auf dem Weg dorthin aufgebaut hat.

Wenn man sich das genauer anschaut, wird der Unterschied deutlicher: Erreichen richtet den Blick fast zwangsläufig nach vorne. Es geht um etwas, das noch fehlt. Ein Ziel, das man irgendwann abhaken kann. Erschaffen funktioniert anders. Es hat keinen klaren Endpunkt und oft auch keine eindeutige Richtung. Es ist eher ein Prozess – einer, der sich erst im Tun formt.

Häufig kommen Klient:innen zu mir mit dem Wunsch mit etwas erfolgreich zu sein, dass ganz authentisch zu ihnen passt und sie erfüllt. Klingt gut, setzt aber voraus, dass es von Anfang an Klarheit darüber gibt, um was es geht. In der Realität ist sie das selten. Häufig entsteht diese Klarheit erst über Zeit – durch Wiederholung, durch Dranbleiben, durch das langsame Gefühl, dass etwas anfängt, Sinn zu ergeben.

Wenn aber alles stark auf Erreichen ausgerichtet ist, verändert sich oft auch der Blick auf das eigene Tun. Zufriedenheit wird nach vorne verschoben, Vergleich rückt in den Vordergrund, und die eigene Stimme verliert an Gewicht. Man orientiert sich stärker an dem, was erwartet wird, als an dem, was sich tatsächlich stimmig anfühlt.

Erschaffen wirkt im Vergleich dazu weniger klar, manchmal sogar unruhig. Aber genau darin liegt eine andere Form von Selbstwirksamkeit. Entscheidungen entstehen nicht aus vollständiger Sicherheit, sondern aus einer originären Suchbewegung heraus. Mit der Zeit bildet sich so etwas wie eine eigene Richtung – nicht plötzlich, sondern eher leise und schrittweise.

Gerade beim Aufbau von etwas Eigenem zeigt sich dieser Unterschied ziemlich deutlich. Im Modus des Erreichens tauchen schnell Fragen nach Zahlen, Positionierung oder dem „richtigen“ Weg auf. Im Modus des Erschaffens verschiebt sich der Fokus leicht: hin zu dem, was sich erkunden lässt, was ausprobiert werden kann, was sich im Tun entwickelt. Oft weniger kontrollierbar – aber näher an der tatsächlichen Erfahrung.

Ein Gedanke, der dabei hilft, kommt ebenfalls von Debbie Millman: die Rolle von Zeit. Vieles, was Substanz hat, entsteht nicht kurzfristig. Es entwickelt sich über Jahre. Diese Perspektive nimmt Tempo heraus – und macht gleichzeitig geduldiger mit dem, was sich noch nicht klar anfühlt.

Das bedeutet nicht, dass Ziele überflüssig sind. Aber vielleicht müssen sie nicht immer im Zentrum stehen. Es kann reichen, sie eher als Orientierung zu sehen – während das Erschaffen selbst zur eigentlichen Praxis wird.

Und vielleicht können wir uns öfter fragen, was passiert, wenn der Fokus sich ein wenig verschiebt. Weg von dem, was irgendwann erreicht werden soll, hin zu dem, was gerade entsteht. Was würde man tun, wenn man nichts erreichen müsste? Was würde man trotzdem erschaffen wollen? Und wo hält man sich vielleicht zurück, weil das Ergebnis noch nicht klar genug ist?

Nicht, um sofort Antworten zu haben. Sondern eher, um sich ein Stück mehr auf die Bewegung einzulassen, die ohnehin schon da ist. 

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