Etel Adnan und die innere Künstlerin

Workshop -Review

gemaltes Bild steht vor einem Baum in einer Blumenwiese

An diesem Tag ging es nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Es ging darum, die eigene Wahrnehmung zu weiten und zu beobachten, was uns ästhetisch anzieht, wenn wenn es nicht durch Bewertung wegfiltern.  Viele Teilnehmer  merken erst dann, wie stark der Alltag ihren Blick filtert — und wie viel sich verändert, sobald dieser Filter weicher wird. Kreativität beginnt oft nicht im Tun, sondern im Sehen. Das Interesse im Außen ist der erste Schritt, um das innere ästhetische Vokabular kennen zu lernen. 

Ich lade Menschen häufig dazu ein, mit ihrem inneren Künstler spazieren zu gehen. Das bedeutet nicht, „künstlerisch“ zu sein, sondern aufmerksam. Langsamer zu werden. Zu bemerken, was die Aufmerksamkeit anzieht, ohne es erklären zu müssen. Ein Farbton, eine Struktur, ein Schatten, ein kleiner Kontrast. Diese scheinbar nebensächlichen Eindrücke sind nicht zufällig. Sie bilden das Rohmaterial, aus dem später Ideen entstehen. Ideen wachsen aus Wahrnehmung, die wir mehr oder weniger bewusst speichern. 

In diesem Workshop haben wir uns dann die Kunst von Etel Adnan angeschaut — eine Künstlerin, die Landschaften nicht abbildet, sondern verdichtet. Für sie waren Farben keine Beschreibung der Welt, sondern eine Form von Beziehung. Ein Mittel, um das Wesentliche eines Ortes zu erfassen, ohne sich in Details zu verlieren. Ihre Bilder bestehen aus klaren Flächen, einfachen Formen, intensiven Tönen. Sie zeigen nicht, wie ein Ort realistisch aussieht, sondern wie er sich anfühlt. Farbe wird bei ihr zu einer Art Sprache, die nicht erklärt, sondern verbindet.

Diese Haltung hat etwas Befreiendes: Sie erinnert uns daran, dass Kunst nicht darin besteht, etwas „richtig“ darzustellen, sondern darin, eine Synthese zu finden — zwischen dem, was wir sehen, und dem, was in uns entsteht. Zwischen Außenwelt und Innenwelt. Zwischen Wahrnehmung und Ausdruck.

Mit diesem Impuls haben die Teilnehmenden begonnen die Landschaft zu malen. Nicht das was exakt zu sehen war, sondern eher das, was sie in diesem Moment wahrnehmen: Farben, Eindrücke, Atmosphären. Manche arbeiteten mit großen Flächen, andere mit Linien, wieder andere mit Fragmenten aus ihrer Wahrnehmung. Es ging nicht um Technik, nicht um Perfektion, sondern um eine Übersetzung — von dem, was wir sehen, in den eigenen Ausdruck. Und so kommen wir zum eigentlichen Kern dieses Tages:

Der eigene kreative Ausdruck entsteht dort, wo Wahrnehmung und innere Resonanz sich begegnen. Nicht im Abbild, sondern in der Beziehung. Nicht im Ergebnis, sondern im Prozess.

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